Konferenz 2019

Wie (un-)politisch ist Musikwissenschaft?

Die Frage nach der gesellschaftspolitischen Verantwortung von WissenschaftlerInnen rückt in den Fokus der Öffentlichkeit: (Rechts-)populis­tische Parteien und Bewegungen stellen demokratische Gesellschafts­ordnun­gen, kulturelle Diskurse und wissenschaftliche Tatsachen und damit die gesellschaftlichen Errungenschaften von Frieden und Pluralismus umfassend in Frage. Während Kunst- und Kulturschaffende diesen Entwicklungen auch auf institutioneller Ebene entgegentreten, zögern viele WissenschaftlerInnen und Wissenschafts­organisationen sich klar zu positionieren. Die Zeit bezeichnete die Haltung mit Blick auf die Universitäten als „Krise der Klugen“.[1] Mit Blick auf die deutschen Kulturwissenschaften ist sogar vom „Tod des Intellektuellen“ in der öffentlichen Debatte die Rede.[2] Die mangelnde politische Sichtbarkeit von Forscherinnen und Forschern erstaunt gerade im Bereich der deutschsprachigen Geistes- und Sozialwissenschaften – nicht nur, weil viele neue disziplinübergreifende Ansätze explizit politisch sind, sondern auch weil politische Meinungsäußerungen von Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaftlern, aber auch von Fachverbänden in anderen Ländern beinahe alltäglich sind.

Eindeutige (tages-)politische Positionierungen akademischer Institutionen sind jedoch keineswegs unumstritten. Das verdeutlicht die kontroverse Debatte rund um die Resolution des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands zu gegenwärtigen Gefährdungen der Demokratie.[3] In dem Papier, das beim Historikertag 2018 verabschiedet wurde, bezieht der Verband zu verschiedenen Politikfeldern Stellung, unter anderem zur Migrationspolitik. In den Medien wurde der Text einhellig als Frontalangriff auf die nicht namentlich erwähnte Alternative für Deutschland (AfD) und ihre Positionen gewertet. Tiefergehende Analysen zogen zudem Linien zur deutschen Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts.[4]

Die aus dem Beschluss hervorgegangene Debatte um die Rolle der Geschichtswissen­schaft in der Gesellschaft dürfte dabei für die historisch geprägten Teile der Musikwissenschaft von besonderem Interesse sein. Hier zeichnen sich Bruchlinien und Argumentationen ab, die auch für musikhistorische Forschung einschlägig sind. Die Debatte der Historikerinnen und Historiker der vergangenen Monate verdeutlicht zudem, dass der Diskussionsprozess unabhängig seiner Ergebnisse zentral für die wissenschaftliche Selbstverge­wisserung einer Disziplin ist.

Musikwissenschaft ist ein vielfältiges Fach. Während in Bereichen wie der Musikethnologie die Frage nach dem Politischsein klar beantwortet zu sein scheint – man denke an die Society for Ethnomusicology zu verschiedenen allgemeinpolitischen Themen[5] –, steht die Diskussion in der historischen Musikwissenschaft hierzulande noch am Anfang.[6]

Die vorgeschlagene Veranstaltung der Fachgruppe Nachwuchsperspektiven in der Gesellschaft für Musikforschung will deshalb ganz grundlegend danach fragen, wie politisch oder unpolitisch Musikwissenschaft im deutsch­sprachigen Raum aktuell ist, wie unpolitisch sie sein soll und wie politisch sie sein darf. Dabei sollen sowohl die Forschung als auch die Lehre beleuchtet werden.

Vorläufiger Ablaufplan (24. September 2019, Hörsaal B1, Universität Paderborn)

9.00 – 9.05 Uhr // Begrüßung und kurze Einführung in das Thema (Moritz Kelber)

9.05 – 9.30 Uhr // Yvonne Wasserloos: „Internationales Networking: Die Identitäre Bewegung“

9.30 – 10.00 Uhr // Nina Noeske: „Feminismus, Genderstudies und Werturteil: Zwei Plädoyers für die Musikwissenschaft“

10.00 – 10.30 Uhr // Gesa zur Nieden: „La boussole/Der Kompass. Die Politik der Musikwissenschaft im Spiegel ihrer literarischen Aneignung“

10.30 – 11.00 Uhr // Kaffeepause

11.30 – ca. 13.00 Uhr // Podiumsdiskussion Yvonne Wasserloos, Nina Noeske, Gesa zur Nieden, Thorsten Hindrichs, Reiner Nägele (Moderation: Barbara Dietlinger)

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[1] https://www.zeit.de/2017/09/demokratie-gefahr-universitaeten-wissenschaft

[2] https://www.zeit.de/kultur/2019-01/geisteswissenschaften-intellekt-literatur-digitale-medien-diskurs-teilnahme

[3] https://www.historikerverband.de/verband/stellungnahmen/resolution-zu-gegenwaertigen-gefaehrdungen-der-demokratie.html

[4] http://www.jfki.fu-berlin.de/faculty/history/news/Media-Coverage-Deutscher-Historikertag-in-Muenster_-Sept_-24-28_-2018.html

[5] https://www.ethnomusicology.org/news/325267/Position-Statement-in-Response-to-the-2016-U.S.-Presidential-Election.html

[6] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/hoch-schule/philologie-debatte-schlechte-und-gute-traditionen-16024628-p2.html

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